Einst Zweig der Schande

Posted by on 29. Juni 2009
In Diedorf gibt es gleich zwei Naturdenkmale: die Wildkirschen und Stationslinden

Manchmal muss man die Niederungen der Alltagswelt einen Augenblick hinter sich lassen, um wieder frische Kraft schöpfen zu können. Um einen Moment innezuhalten, muss man nicht gleich die Urlaubskoffer packen. Auch im Unstrut-Hainich-Kreis kann man sich von der Wunderwelt der Natur faszinieren lassen. Zudem gibt es zahlreiche Naturdenkmale, die einen Abstecher wert sind. Wanderwege, die zu Naturdenkmalen führen, sollen in dieser Serie vorgestellt werden. Naturdenkmale in Diedorf sind die Vogelkirschen südlich des Dorfes und die Stationslinden am nordöstlichen Dorfrand.

Von Iris HENNING

DIEDORF.

Fanden junge Mädchen in vergangenen Zeiten am 1. Mai einen Zweig der Vogelkirsche vor ihrer Tür, war das alles andere als ein Liebesgruß. In der Symbolik steht die Frucht dieser Wildkirsche unter anderem auch für die Verführung der Sinneslust. Der christlichen Kirche galt einst der Kirschbaum als Sinnbild für ein gefallenes Mädchen. Fand ein Mädchen am 1. Mai einen Kirschzweig vor ihrer Tür, war es der öffentlichen Schande preis gegeben.

Zum Glück sind diese Zeiten der Schmähung und Verachtung zumindest hierzulande längst vorbei. Wohl kaum eine Diedorferin wird am 1. Mai einen solchen Zweig vor ihrer Tür gefunden haben. Und wenn doch, würde sich vermutlich niemand daran stören, außer die Naturschützer. Denn die Zweige könnten von den zwei denkmalgeschützten Wildkirschen, die südlich des alten Bahndammes Richtung Drachental stehen, stammen. Seit 1994 stehen die heute etwa 90-Jährigen unter Schutz. Wildkirschen, die dieses Alter erreichen, sind selten geworden.

Die zwei Bäume sind nicht die einzigen Naturdenkmale in Diedorf. Auf der anderen Seite des Dorfes. am nordöstlichen Ortsrand, stehen die Stationslinden, zwei Sommerlinden. Sie flankieren den Bildstock aus dem Jahr 1740. Gut möglich, dass die Bäume anlässlich der Errichtung des Bildstockes gepflanzt wurden. Ihr Alter wird auf 250 bis 300 Jahre geschätzt. Es kann genauso gut auch anders gewesen sein: Das Anbringen von Andachtsbildern an Bäumen war schon im Mittelalter üblich.

Eine etwa acht Kilometer lange Rundwanderung durch und um Diedorf führt an den Naturdenkmalen vorüber. Ausgangspunkt dafür soll der westlich führende landwirtschaftliche Weg sein, der direkt an der Landstraße liegt, die Diedorf mit der Bundesstraße B 247 verbindet. In großzügigen Kurven führt der asphaltierte und später geschotterte Weg um Diedorf herum. Am nordöstlichen Ortsrand sind die auffälligen Stationslinden nicht zu verfehlen. Mitten durch das gepflegte Eichsfelddorf führt der weitere Weg Richtung Süden. Ist man am alten Bahntunnel angekommen, sind es nur noch wenige Meter bergauf, die zu den Wildkirschen führen. Wer von den imposanten Umfängen der bisher besuchten Denkmal-Bäume noch beeindruckt ist, könnte allerdings etwas enttäuscht sein. Mit einem Umfang von etwa 1,70 Meter und 2,30 Meter sind die Vogelkirschen ausgesprochen schlanke Wesen. Das störte einen Holunder nicht, sich einen der Bäume als Wirt auszusuchen. Mitten in den Baumstamm hat sich der Holunder gepflanzt. Lohnenswert ist nun der weitere Weg bergauf. Der oben angelegte Grillplatz gibt einen schönen Blick über Diedorf und Umgebung frei. Wer daran gedacht hat, etwas zum Brutzeln in den Rucksack zu packen, kann es sich vor oder in der Schutzhütte anschließend richtig gemütlich machen. Nun wird der Weg in östlicher Richtung gegangen, um nach kurzer Strecke über den Südhang auf die alte Bahntrasse zu gelangen, die Diedorf mit Heyerode verbindet. Die ist zum komfortablen Rad- und Wanderweg ausgebaut und führt durch eine angenehme Schlucht aus Gestein, Bäumen und Sträuchern. Nach einem knappen Kilometer, vor dem Wäldchen, das den Namen „Breitloh“ trägt, wird nach links abgebogen. Ein Feldweg führt zum nächsten Wald, an dessen Saum es ein Stück südwestlich entlang geht, um dann nach einer scharfen Kurve nach Norden abzubiegen. Ein sehr abwechslungsreicher Wanderweg, geprägt von Kalksteinen, Wacholder, Kiefer und Laubbäumen führt die letzten Meter ein Stück parallel der Landstraße zwischen Diedorf und der Bundesstraße zurück zum Ausgangspunkt der Tour.

Tipps zur Tour

An der Einmündung zum landwirtschaftlichen Nutzweg, an der Verbindungsstraße zwischen Diedorf und der Bundesstraße B 249, kurz vor Diedorf, beginnt die etwa acht Kilometer lange Rundtour.

Die Gehzeit für die Strecke beträgt etwa zwei bis zweieinhalb Stunden.

Besondere Anforderungen stellt die Tour an die Wanderer keine. Etwa 200 Höhenmeter sind zu bewältigen. Die maximale Steigung beträgt dabei 25 Prozent.

Die Strecke ist ein individuell gewählter Wanderweg. Eine Ausschilderung gibt es nicht. Eine Wanderkarte im Maßstab 1 : 50 000 ist zu empfehlen.

Einkehrmöglichkeit gibt es im Dorf (vorher nach ffnungszeiten erkundigen). Eine Brotzeit aus dem eigenen Rucksack schmeckt am sehr gepflegten Grillplatz oberhalb Diedorfs.

(Quelle: R. Weise, U. Fickel, R. Halle, W. Hochstrate, E. Lehnert, R. Faupel, R. Kaiser: „Naturdenkmale im Unstrut-Hainich-Kreis“)

DIASCHAU

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