Der vermasselte Erzbischof

Posted by on 7. Juni 2009
Viel Applaus für 3K-Premiere: Tragisch-komische Abrechnung mit Gott und der Welt

Wenn schon sein Leben keine Sensation war, so soll es wenigstens sein Tod sein. Der Schauspieler Kastrop (Peter Wagner) hat den Kanal gestrichen voll. Seinen Abgang von der Bühne des Lebens will er aber grandios in Szene setzen.

Von Iris HENNING

MHLHAUSEN.
An weiß gedeckter Tafel sitzt das Publikum im Theatercafé bei fröhlicher Plauderei. Es ist Wochenende, man gönnt sich einen Abend Kultur. Doch der leicht untertalentierte Schauspieler, der sich da im weißen Anzug vom Treppenaufgang heruntersingt, kann nicht so recht überzeugen. Wie er auftritt, entspricht er noch nicht einmal Norm „null-acht-fünfzehn“ sondern eher einem Stück gnadenlos-komischer Verzweiflung der Art „Es hat ja sowieso alles keinen Zweck und ich spule hier mein Ding ab“. Der da unterhalten soll, ist der alternde Kastrop, der schon so einiges in seinem Leben vergeigt hat. Selbst in den anspruchslosesten Rollen hat er jämmerlich versagt, wie er später dem Publikum, das plötzlich mitten in der Geschichte sitzt, beichten wird. Es wird die Beichte seines Lebens und die Abrechnung mit der Welt, denn, so lässt er wissen, wird er heute Abend noch abtreten von der Bühne des Lebens – vor den Augen der Zuschauer. Wenigstens diese eine Sensation will er der Nachwelt hinterlassen, so der Möchte-gern-Selbstmörder. Wie er seinen letzten Akt gestalten wird, weiß er noch nicht. Entweder stürzt er sich vom Schnürboden oder er erschießt sich mit dem Revolver. Bis es jedoch so weit ist, unterhält er sein Publikum köstlich mit philosophischen und satirischen Betrachtungen über Gott und die Welt, mit Theatergeschichten und -anekdoten. Kastrop läuft zur Höchstform auf, wenn er zur Theke rennt und über Tisch und Bänke springt oder seine verpatzten Auftritte vorführt. Atemlos wird dabei nicht nur der ältliche Schauspieler Kastrop (grandios gespielt von Peter Wagner), sondern auch das Publikum wird ordentlich auf Trab gehalten.
Natürlich geht in dieser Tragikomödie auch die letzte Inszenierung schief. Kastrop vermasselt seinen Abgesang von allem Irdischen. Und auch dabei wird von Peter Wagner Höchstleistung gefordert, schlüpft er doch zum Schluss in zwei Rollen, lässt den schon toten Kastrop so urkomisch schwanken zwischen Lebensüberdruss und purer Neugier, dass sich das Publikum vor Lachen beinah nicht mehr einkriegt.
Das Bühnenstück „Der Erzbischof ist da“ von Peter Sattmann hatte am Wochenende Premiere in der 3K-Spielstätte Kilianikirche. Das Solotheaterstück für einen männlichen Schauspieler mit dem Untertitel „Die letzte Rolle, ein letztes Experiment und dann das Letzte“ wurde 1980 am Schauspielhaus Bochum uraufgeführt. An seiner gesellschaftlichen Aktualität hat das Stück bis heute nichts eingebüßt. Die Regie für diese 63. Inszenierung im 3K-Haus lag in den Händen von Bernhard Ohnesorge. Auch ihm wurde Höchstleistung abverlangt, gibt es doch vom Autoren keinerlei Regiehinweise. Der begeisterte und lang anhaltende Applaus am Ende der Premiere haben sich sowohl Peter Wagner als auch Bernhard Ohnesorge schwer verdient.

(Nächste Aufführungen: am 18. Juni um 19 Uhr und am 19. Juni um 21 Uhr ; Karten: 03601 440937)

DIASCHAU

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