Seiler aus Leidenschaft

Posted by on 1. April 2009

Aus der Serie „Mein schönes Hobby“ in der „Thüringer Allgemeinen“:
Die einen haben ihre Freude an Briefmarken, Münzen, Zinnfiguren oder Etiketten. Andere basteln die kuriosesten Dinge. Menschen aus dem Landkreis und deren Lieblingsbeschäftigungen in ihrer Freizeit sollen in dieser Serie vorgestellt werden. Kurt Hohnstein wurde der Beruf zum Hobby: Er ist Seiler aus Leidenschaft.
Von Iris HENNING

SCHLOTHEIM.
Er strickte im vergangenen Jahr die wahrscheinlich größte Hängematte der Welt, rettete mit seiner Handwerkskunst die Drehbühne der Erfurter Oper und ist vermutlich der geschicktestes Gestalter von Zierknoten. Kurt Hohnstein (68) ist Seiler aus Leidenschaft. Was einst über mehr als vierzig Jahre sein Beruf war, ist ihm nun, im Ruhestand, liebstes Hobby.
Ob spagettidünne Schnürsenkel oder armstarke Schiffstaue, ob Sprungseil für Kinder oder Boxringabsperrung für die Profis, ob Hängematte oder Netz für Fußballtore: es gibt wohl kein Seilerprodukt, das dem Schlotheimer fremd wäre. „Alles schon gemacht“, sagt er. Und alles könnte er wieder machen. „Ist ja mein Hobby geworden“, meint er. Statt in einer Fabrik geht er seit einigen Jahren in seine kleine Werkstatt über den Hof. Deren Winzigkeit bremst ihn nicht an großen Vorhaben. Immerhin hat er hier, auf den knapp acht Quadratmetern, auch die größte Hängematte der Welt gestrickt. „Alles eine Frage der Technik und des guten Willens“, lächelt Kurt Hohnstein. Er ist ein einfallsreicher Macher.
Als einer der letzten übrig gebliebenen Seiler in der einstigen Seilerstadt sieht er sich zudem verantwortlich dafür, ein Stück seiner Handwerkskunst in die neue Zeit zu retten. Schließlich ist weit und breit niemand sonst mehr da, der Kreuz-, Weber- und Bundknoten sowie türkische Knoten und Knüpfknoten so beherrscht wie er. Geschickt verspleißt er zudem Seile zu Endlosseilen oder verhindert mit dieser Kunst das unbeliebte Aufdröseln selbiger. Wir rar die Seilerkunst geworden ist, bekam auch die Oper in Erfurt jüngst zu spüren. Als die Drehbühne ihren Dienst versagte, fanden die Techniker erst in Schlotheim, bei Kurt Hohnstein, Hilfe. Betteln musste ihn niemand. Er packte sein Handwerkszeug zusammen, fuhr in die Landeshauptstadt, besah sich die Technik und reparierte das zerschlissene Seil. „Immer, wenn ich mit meiner Frau heute im Fernsehen eine bertragung aus der Oper sehe, denke ich ‚Da habe ich die Drehbühne repariert“, freut sich der Senior noch heute, dass seine Zunft eigentlich doch noch gebraucht wird.
Eigentlich. Doch existieren könnte ein klassischer Berufsseiler vermutlich nur noch am Rand des Existenzminimums. Die Nischen, wo diese Handwerkskunst gefragt ist, sind selten und klein. Drehbare Bühnen gibt es nicht oft. Die industrielle Konkurrenz, die Seile, Hängematten, Netze und Co. preiswert liefert, ist riesig. Darüber muss sich Kurt Hohnstein eigentlich keine Gedanken machen. Er ist im Ruhestand. Doch die Gedanken kommen ohne gerufen zu werden. Es sei schon Ironie des Schicksals, sagt er, dass die einzigen zwei berufsnahen Unternehmen in Schlotheim, die Sitex und die Seil- und Hebetechnik, Neugründungen von Zugezogenen seien, die in der Nach-DDR-Zeit auf die Tradition des Standorts setzten.
Ein Standort der Seilerei bleibt Schlotheim aber dennoch, auch dank des einfallsreichen Seilers. Der engagiert sich mit weiteren Berufsverbundenen dafür, dass die Stadt zumindest ein Andenken an ihre Jahrhunderte alte Handwerksgeschichte behält: im Seilermuseum An der Mühle. Während Führungen und Vorführungen schnürt sich Kurt Hohnstein gern seine Seilerschürze um und steigt für Momente in die berufliche Vergangenheit.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.