Schmerz der Einsamkeit

Posted by on 18. März 2009
Hikikomori: Die 60. Inszenierung der 3K-Theaterwerkstatt widmet sich einem Tabu-Thema

Ein Bett. Ein Netz aus Gummiringen. Darunter eine Gestalt. Seltsam gekrümmt liegt sie regungslos da. Es ist H., wie man später erfahren wird. Auf diesen Buchstaben hat sich die Gestalt reduziert. So beginnt die Geschichte „Hikikomori“. Dieses beklemmende Stück über die Flucht eines jungen Mannes vor der Wirklichkeit hatte jetzt Premiere auf der 3K-Bühne.

Von Iris HENNING

MHLHAUSEN.
Es stinkt ihn an. Dieses Müssen. Dieses Gut-sein-Müssen. Dieses gute Funktionieren, wie es die Gesellschaft fordert. H. ist davor geflüchtet. Vor acht Jahren schon. Nicht auf eine einsame Insel, nicht auf einen hohen Gipfel. Sein Zufluchtsort ist das Bett in seinem Zimmer, in dem er eingeschlossen und zurückgezogen von der Gesellschaft und seiner Familie lebt und sich lebendig begraben fühlt. Sein einziger Kontakt zur Außenwelt ist das Internet. Eine magische Anziehungskraft übt dieses Kommunikationsmittel auf H. Aus. Wild-mechanisch reagiert er, wenn das Netz ruft. Sonst bestimmen Gummiringe den psychopathischen Alltag von H. Mit ihnen macht er sich gesichtslos und mit ihnen quält er sich, um sich vom inneren, seelischen Schmerz abzulenken. Und Entsetzen schleicht sich in das Gemüt der Zuschauer, wenn H. sich mit Gummiringen entstellt, sich mit ihnen kasteit oder sie sich Händeweise in den Mund stopft, um sie wie ein ekeliges Etwas wieder auszuspeien.
H. ist eine tragische Figur. Er rebelliert gegen eine Welt, in der er funktionieren soll und es nicht will. Er pendelt in seiner selbst gewählten Einsamkeit zwischen wehmütigen Kindheitserinnerungen und Sehnsucht, unfähig, eine Lebensperspektive für sich zu entwickeln. Das ist es, was sowohl das junge als auch das ältere Publikum so sprachlos macht. Wie ohnmächtig saß es nach dem 60-minütigen Spiel in den Zuschauerreihen, unfähig, an den Applaus für den Darsteller zu denken. Das Gesehene saß noch im Hals wie eine fette Kröte. Einen Moment der Besinnung brauchte es, bis der berechtigte Beifall für diese tolle Leistung auf der Bühne (Darsteller in der A-Premiere war Ralf Bube, in der B-Premiere Simon Kempe) einsetzen wollte. Und dann hatte wohl jeder das Bedürfnis, über das Gesehene miteinander ins Gespräch zu kommen.
Diese Inszenierung von Karen Becker ist vor allem als theaterpädagogisches Angebot auf die Bühne gebracht worden. Schulklassen sollen damit angesprochen werden, sich mit diesem sozialen Phänomen des Rückzugs in eine virtuelle Welt auseinander zu setzen. Nächste Vorstellungen in der 3K-Theaterwerkstatt, Unter der Linde 7, sind am 24. und 25. März, jeweils 10 Uhr.

DIASCHAU

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