Der Tankstellenforscher

Posted by on 20. Februar 2009

Aus der Serie „Mein schönes Hobby“ in der „Thüringer Allgemeinen“:
Die einen haben ihre Freude an Briefmarken, Münzen, Zinnfiguren oder Etiketten. Andere basteln die kuriosesten Dinge. Menschen aus dem Landkreis und deren Lieblingsbeschäftigungen in ihrer Freizeit sollen in dieser Serie vorgestellt werden. Günter Mauff aus Mühlhausen erforscht die Geschichte der Mühlhäuser Tankstellen..

Von Iris HENNING

MÜHLHAUSEN.
Die Tankstelle. 35 Jahre seines Berufslebens war er mit ihr verbunden. Dann sagte er dem Geruch des Benzols Adieu. Das Rentenalter war erreicht. Für Günter Mauff vermutlich ein herbei gesehnter Günter Mauffneuer Lebensabschnitt. Seine Freizeit reichte längst nicht mehr für all seine Hobbys: Ornithologie, Heimatforschung, Ahnenforschung sind wie anspruchsvolle Geliebte. Sie fordern neben Hingabe auch zunehmend Portionen an Zeit. Damit wollte Günter Mauff nicht länger geizen. Er widmete sich der Chronik seines Heimatdorfes Ammern, schrieb ein Buch über die Künstler dieses Dorfes, wandelte seine Ahnentafel bis in die Mitte des 16. Jahrhunderts zurück.
Auch seiner beruflichen Vergangenheit widmet er viel Aufmerksamkeit. Der auf die 70 zugehende Senior erforscht seit Jahren die Tankstellengeschichte Mühlhausens und Umgebung, sammelt Fotos, Belege, Dokumente. Benzin, Petroleum und Diesel, so weiß der Hobby-Forscher, waren schon lange vor der Bevölkerung der Straßen mit Mobilen gefragte Energielieferanten. Eine im Jahr 1894 bei der Polizei erstattete Anzeige ist ihm Beleg dafür. Ein Bürger beschuldigt seinen Nachbarn, des nachts heimlich ein Fass voll von diesem leicht brennbaren Inhalt auf höchst unvorsichtige Weise in den Keller bugsiert zu haben. Üblicherweise versorgten sich die Menschen aber aus Apotheken und Drogerien mit Benzin. So hatte die Einhornapotheke gleich neben der Eingangstür eine Pumpstation.
Den Anfang der Geschichte der Mühlhäuser Tankstellen mit ordentlicher Zapfsäule datiert Günter Mauff auf Grund seiner Forschung in die Jahre 1921/22. Am Untermarkt, wo heute das moderne Gebäude der Sparkasse steht, und am Stadtwald, am einstigen Reichsbahnerholungsheim „Waldfrieden“, standen die ersten Tankstellen – einsame Zapfsäulen, die wie seltsame Pilze aus dem Boden gewachsen schienen. Wie viele Fahrzeuge an diesen Pilzen pro Tag hielten, ist vermutlich nur zu schätzen. Wartezeiten dürfte es kaum gegeben haben. Autos waren seinerzeit nur etwas für Wohlhabende. Das erste Automobil, das durch Mühlhausen fuhr, war das von Dr. Boeckmann. 1902 kaufte er sich das Mobil, recherchierte Mauff. Noch im selben Jahr schaffte sich der Tierarzt Großklaus einen „Wartburg“ an. Die Firma Claes und Flentje konstruierte sich 1904 einen ersten Lastkraftwagen. Und auch das ist den Mauffschen Aufzeichnungen zu entnehmen: Kaufmann Lange aus der Röblingstraße verkaufte ab 1907 Motor-Droschken.
Nicht viel später als im Westen und Osten der Stadt begann auch die Tankstellengeschichte an der Aue, an der Günter Mauff selbst 35 Berufsjahre als Tankstelleninhaber mitgeschrieben hat. Die Gebrüder Haberstolz hatten dort den Grundstein für einen Tankstellenbetrieb gelegt, der heute noch existiert. Die Brüder betrieben damals eine so genannte Lokomobile, eine mit Diesel angetriebene Dampfmaschine. Der Mühlhäuser Tankstellenforscher vermutet, dass die Haberstolz‘ damals auch schon Diesel an die Kundschaft verkauften.
Mit der zunehmenden Motorisierung auf den Mühlhäuser Straßen entwickelte sich auch das Tankstellennetz. Einsame Zapfsäulen wichen schicken Tankstellenhäuschen mit mehreren Zapfsäulen, in denen die Tankwarte ihren Dienst aufnahmen. Viele der Tankstellen verschwanden wieder. Jene am Untermarkt musste dem Bau des „Hotel Stadt Mühlhausen“ weichen, das wiederum dem Sparkassenhaus Platz machen musste. Von den einstigen großen Tankstellen an der Aue, Eisenacher Landstraße, am Wendewehr und in der Hauptmannstraße ist nur noch die an der Aue geblieben, die im Laufe ihres Lebens mehrfach modernisiert wurde und heute unter „Honsel“ firmiert. Sie ist damit die dienstälteste Tankstellen Mühlhausens. Jüngere Kollegen bekam sie in Eile mit dem rasanten Anstieg von Fahrzeugen nach der politischen Wende im Land.
Derzeit ist Günter Mauff dabei, die über Jahre gesammelten Dokumente, Fotos und Zeitungsnotizen über die Geschichte der Mühlhäuser Tankstellen aufzuarbeiten. Ein Geschichtsbuch will er schaffen. Das will er seinen Enkeln vererben und ein Exemplar soll in das Stadtarchiv gehen. Um Vollständigkeit bemüht, sucht er immer noch weiteres Bildmaterial und Dokumente, die in das Puzzle der Mühlhäuser Tankstellengeschichte passen (Kontakt: 03601 / 42 40 70)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.